Südafrika – Kapstadt - Tourismus, Kulturaustausch, (Kultur-)Politik

 

Südafrika Kulturaustausch

Am Beispiel von Kapstadt - Cape Town - Kaapstad (die Kaap) - Hoerriqwagga - eKapa

 

 

 

Globalisierung ist das Schlagwort unserer Zeit. Gleichzeitig machen sich aber überall auf der Welt Fremdenhaß und Rassismus lautstark bemerkbar. Zu keiner Zeit sind so viele Menschen durch die Möglichkeiten des Massentourismus mit Menschen anderer Kulturen in Berührung gekommen, und dennoch hat diese Begegnung keineswegs zum Abbau der Vorurteile fremden Menschen gegenüber beigetragen. Gewiß, so sagt man, Reisen erweitere den Horizont. Aber die Art des Reisens, wie wir sie heute kennen, trägt augenscheinlich wenig dazu bei, dieses Ziel auch zu erreichen.

 

Der moderne kosmopolitische Reisende neigt dazu sich wurzellos durch eine Reihe von Kulturen zu bewegen, ohne eine davon wirklich zu verstehen. Er erscheint den Einheimischen in den Ländern, wo er auftritt, als Parasit oder Voyeur, dem völlig die Fähigkeit abgeht, Langzeitbindungen an irgendeinen Ort der Welt zu bilden, der in keiner Gemeinschaft wirklich teilnehmen kann, und den man nur deshalb duldet, weil er dringend notwendige Devisen ins Land bringt.

 

Immerhin machen sich einige neue Trends bemerkbar, die auch hier eine Veränderung versprechen. Die Ausflüge an exotische Badestrände werden von immer mehr Touristen als nicht wirklich befriedigend empfunden, und sie wünschen sich, mehr über das Land und seine Bewohner zu erfahren, mehr wirklichen Kontakt mit der Fremde zu haben, als der heute übliche Massentourismus erlaubt. Ein Kulturtourismus, der es dem Touristen erlaubt sich in eine wirkliche, nicht für den Tourismus zurechtgemachte kulturelle Erfahrung einzuleben und ein tieferes Verständnis der fremden Kultur durch eine Begegnung auf gleicher Ebene zu erreichen, muß daher anders vorgehen. Das von Herbert Arlt entwickelte Konzept des Kulturseminars scheint uns eine Möglichkeit zu sein, Reisen so zu gestalten, daß eine andere Form der Begegnung möglich wird. Das Kulturseminarkonzept geht davon aus, daß zum Verstehen der Fremde Wissen notwendig ist, das der Tourist normalerweise nicht mitbringt. Dieses Wissen wird während des Kulturseminars an den authentischen Orten durch Ortskundige vermittelt.

 

Schon der venezianische Reisende Marco Polo, der quer durch Asien nach China reiste, kann als ein Pionier der Reise als Versuch, den Anderen zu verstehen, gesehen werden. Aber schon bei ihm wird deutlich, wie leicht man der Versuchung verfällt, den anderen als exotische Kuriosität zu sehen und seine eigene Kultur auf die fremde zu projezieren. In einer Weise hat sein vorkolonialer Blick auf das "Exotische" dann die Plünderungen des Kolonialismus vorbereitet. Seine fantastischen Geschichten und die Geschenke, die er mitbrachte erregten die Begierde von Christopher Columbus und wurden der Motor, der die koloniale Expansion antrieb.

 

Von Marco Polo an, und immer stärker während der Epoche der Erkundungsfahrten und des Kolonialismus, haben westliche Nationen das "Exotische" als pikantes Gewürz ihrer eigenen Kultur einverleibt. Bei manchen kam es zu ernsthaften Versuchen, das Fremde zu verstehen und zu erkennen, aber meist blieb es bei oberflächlichen Modeerscheinungen. Während Leibnitz und Schopenhauer die östlichen Philosophen studierten, bauten die Herrscher Preußens ein vergoldetes chinesisches Teehaus in Potsdam und chinesisches Porzellan wurde überall in Europa Mode.

 

Daß man mit Kulturtourismus Geld verdienen kann, hat man schon früh gesehen. In der Satire The $30000 Bequest läßt Mark Twain die Bewohner der amerikanischen Stadt Elmira den Plan fassen, dem ersten Menschen, Adam, ein Monument zu errichten, das einzige auf dem gesamten Planeten, um zu verhüten, daß der Urvater der Menschheit wegen Darwins Evolutionstheorie vergessen wird. Es soll, was das Interesse und den Eindruck angeht, niemals einen Rivalen haben, es sei denn, daß jemand auf die Idee käme, der Milchstraße ein Denkmal zu setzten.

 

Und, so träumen die Einwohner von Elmira, es würde Touristen in großer Zahl anziehen:

People would come from every corner of the globe and stop off to look at it, no tour of the world would be complete that left out Adam's monument. Elmira would be a Mecca; there would be pilgrim ships at pilgrim rates, pilgrim specials on the continent's railways; libraries would be written about the monument, every tourist would kodak it, models of it would be for sale everywhere in the earth, its form would become as familiar as the figure of Napoleon.1

 

Die Idee, Touristen mit Kultur in die eigene Stadt zu locken, ist also nicht sonderlich neu. Auch die Erkenntnis nicht, daß erst, wer aus seiner eigenen Stadt herauskommt, sein eigenes Land verläßt, sich auf Reisen in andere Kontinente einläßt, in der Lage ist, seine begrenzte Innensicht zu erweitern, und auch sein Zuhause richtig einzuschätzen. So steht er dann wie Voltaires Kandid staunend und „mit offenem Munde" in Eldorado und meint:

 

  • »Hier geht es doch ganz anders zu, als in Westfalen und in dem Schlosse des Freiherrn. Hätte unser Freund Pangloß Eldorado gesehen, so würde er nicht länger behauptet haben, etwas Besseres, als das Schloß Thundertentronckh gebe es auf Erden nicht. Man muß reisen; das ist ausgemacht.«2

 

Reisen, also, Tourismus, meint Voltaire, erweitere den Horizont über Thundertentronck hinaus, zeige einem jenseits der eigenen Enge andere Sitten, andere Kulturen, andere Möglichkeiten zu leben. Die Beschränktheit dessen, der aus seinem kleinen Dorf nie herausgekommen ist, wird für Rousseau zum Zeichen von Zurückgebliebenheit: „Für einen Mann von guter Erziehung" so zeigt sich, ist es nicht ausreichend, nur seine Landsleute zu kennen. Es ist „für ihn von Wichtigkeit, sich allgemeine Menschenkenntnis zu erwerben".

 

Und er folgert daher:

Für mich gilt es als eine ausgemachte Wahrheit, daß derjenige, welcher nur einem Volke bekannt ist, nicht Menschen im allgemeinen, sondern nur die Leute kennt, unter denen er gelebt hat.3

 

Die Reisebeschreibung ist eine Literaturgattung, die auch jenen, die sich Reisen nicht leisten konnten, zumindest die Ergebnisse der Reisen anderer nahebringen soll. Aber selbst die beste Reisebeschreibung - und das gilt auch für die modernen Formen der Reisebeschreibung, Diavortrag und Fernsehserie, kann die eigene Erfahrung nicht ersetzen.

 

So beschwerte sich schon Descartes über schlechte Reisebeschreibungen:

  • Als ich das wenige, welches mir selbst zu beobachten möglich war, mit dem verglich, was ich gelesen hatte, hörte ich schließlich auf, mich ferner um Reisebeschreibung zu bekümmern, und bedauerte aufrichtig die Zeit, die ich zu meiner Belehrung auf ihre Lektüre verwandt hatte, da ich der festen Ueberzeugung war, daß, will man Beobachtungen irgendwelcher Art machen, man nicht lesen, sondern sehen muß.4

 

„Nicht lesen, sondern sehen" - Descartes begriff, daß man solides Wissen nicht aus aus zweiter Hand, sondern nur aus eigener Beobachtung erwerben könne:

Ich verlangte nur noch nach der Wissenschaft, die ich in mir selbst oder in dem grossen Buche der Natur finden würde, und benutzte den Rest meiner Jugend zu Reisen.5

 

Die Frage bleibt, warum im Zeitalter der Simultaninformation über Satellit, der Breitwandleinwand und der CineMax, des Fernsehers in jeder Stube und des Internet ein anderes Reisen als das virtuelle überhaupt notwendig ist. Aus den gleichen Gründen. Auch multimediale Reiseberichte sind nicht unbedingt zuverlässiger als geschriebene oder gedruckte. Die meisten Beschreibungen anderer Länder sind auch heute noch weder tiefschürfend noch oft einfach richtig, aber, so Rousseau:

 

  • Selbst wenn alle Reisenden aufrichtig wären, wenn sie nichts berichteten, als was sie mit eigenen Augen gesehen oder was sie für vollkommen wahr halten, und wenn sie die Wahrheit nur in den falschen Farben wiedergäben, welche dieselbe in ihrer Augen annimmt, selbst dann schon hätte meine obige Behauptung ihrer vollen Grund; um wie viel mehr aber erst, wenn man die Wahrheit noch aus ihren Lügen und absichtlichen Verdrehungen [herauslesen] muß.6

 

Bloß zu reisen, allerdings, merkt Descartes an, genügt nicht, und darum taugen auch die meisten Reisebeschreibungen wenig. Wer aus seinen eigenen Reisen oder den Beschreibungen anderer Nutzen gewinnen möchte, muß eben auf das achten, was nicht bereits Cliché ist.

 

Die meisten Reisenden aber benutzen ihre Reise um das zu sehen, was alle sich ansehen, wenn sie nicht gar das Reisen ganz einfach zur bloßen Unterhaltung gebrauchen:

  • Aber erstaunlicherweise vergnügen sich die Menschen, während so viel Nützliches zu tun bleibt, fast immer nur mit dem, was schon getan ist, oder mit bloßem Unnützlichem oder wenigstens mit dem, was am unbedeutendsten ist. 7

 

Kein Wunder also, daß es neben jenen, die dem Reisen Bildungswert zuschrieben, immer auch jene gab, die Reisen für verderblich hielten. So meint etwa derselbe Descartes:

Verwendet man aber zu viel Zeit auf das Reisen, so wird man zuletzt in seinem eigenen Vaterlande fremd, und bekümmert man sich zu sehr um das, was in vergangenen Jahrhunderten geschehen, so bleibt man meist sehr unwissend in dem, was in dem gegenwärtigen vorgeht.8

 

Noch schärfer verurteilt Pascal das Reisen als bloße Neugierde und Mode:

Die Neugierde ist nichts als Eitelkeit. Meistentheils will man nur wissen um davon zu sprechen. Man würde nicht eine Reise machen übers Meer um nie davon zu reden, einzig aus Vergnügen zu sehen, ohne Hoffnung sich je mit einem Menschen darüber zu unterhalten.9

 

Andererseits meint Rousseau:

Daraus aber, daß wir gewöhnlich ohne Vorteil reisen, nun schließen wollen, daß die Reisen überhaupt unnütz seien, hieße einen Trugschluß machen.10

Allerdings: „Wenn die Reisen als ein Teil der Erziehung gelten sollen, müssen sie ebenfalls an besondere Regeln geknüpft sein. Reisen, nur um zu reisen, heißt umherschweifen, heißt sich umhertreiben."11 Denn:

Ein oberflächliches Durchstreifen der Länder reicht nun aber zur Belehrung noch nicht hin; man muß zu reisen verstehen. Zum Beobachten muß man Augen haben und sie auf den Gegenstand richten, welchen man kennen zu lernen wünscht. Viele Leute lernen auf ihren Reisen noch weniger als aus ihren Büchern, weil ihnen die Kunst zu denken fremd ist, und weil bei der Lektüre ihr Geist wenigstens der Leitung des Schriftstellers folgt, während es ihnen auf ihren Reisen an der Fähigkeit fehlt, selbst Beobachtungen anzustellen. Andere unterrichten sich einfach deshalb nicht, weil sie nicht Lust haben, sich zu unterrichten.12

 

Heute, im Zeitalter des Massentourismus gibt es mehr und mehr Menschen, die von einem Urlaub in einem fremden Land und einem fremden Kontinent mehr erwarten als bloß schöne Strände, Sonne und Meer und ein Luxushotel. Man sucht ganz gezielt eben das, was man zu Hause nicht findet, sei es die fremde Natur in verschiedenen Formen des Öko-Tourismus, sei es die fremde Kultur. Damit werden aber Einrichtungen und Menschen gefragt, die über ihre Tourismus-Erfahrung hinaus Spezialkenntnisse, sei es in der Ökologie der Region oder der Kultur des Landes haben, und die in der Lage sind, diese Informationen den Touristen auch so zu vermitteln, daß diese tatsächlich mit dem Gefühl nach Hause gehen, zumindest eine repräsentative Auswahl der Erscheinungen kennengelernt zu haben, die für das fremde Land charakteristisch sind. Bei aller Vielfalt, die sich bei einer solchen Begegnung mit einem fremden Land zwangsläufig vermittelt, sollten doch klare Schwerpunkte gesetzt werden und so ein scharf umrissenes Bild entstehen.

 

Anhand des allgemeinen Konzepts des Kulturseminars haben wir in Kapstadt ein Programm entwickelt, mit dessen Hilfe der Kulturtourist Einblicke in die südafrikanische Kultur gewinnen kann. Kultur ist immer auch durch Geschichte geprägt. Die kulturellen Verhaltensweisen der heutigen Bewohner der Kapprovinz in Südafrika zum Beispiel kann man nicht verstehen, ohne zu wissen, daß es einerseits Zeugen einer kontinuierlichen Besiedlung Südafrikas seit mehr als 3 Millionen Jahren gibt, und daß gerade im Kap die ältesten Fußstapfen eines „modernen" Menschen bei Saldanha gefunden wurden. Sie sind 115 000 Jahre alt. Die KhoiSan, in Deutschland auch als „Buschmänner" bekannt, lassen sich seit 40 000 Jahren in der Kapprovinz nachweisen, ihre ersten Kulturzeugnisse, vor allem ihre Malerei, sind älter als 28 000 Jahre. Heute ist von dieser Kultur fast nichts mehr vorhanden als eine ziemlich zweifelhafte Touristenshow auf einer Farm nördlich von Kapstadt, und die charakteristischen Klick-Konsonanten der KhoiSan [Buschmann-] und KhoiKhoi [Hottentottensprachen], die als nomadische Viehhirten etwa vor 2000 Jahren in südwestliche Afrika kamen, sind beinahe völlig ausgestorben und leben nur noch als Reste in einigen Bantusprachen (Xhosa und Zulu) weiter.

 

Solche Informationen sind nun aber in einem Kulturseminar nicht als trockene Geschichte, sondern, das macht den Reiz eines solchen Seminars aus, anhand der authentischen Artefakte und Dokumente vorzustellen.

Kulturseminare erlauben auch, die inneren Spannungen und Widersprüche einer Kultur zu Worte kommen zu lassen, sowohl die, die zwischen verschiedenen sozialen oder kulturell geprägten Gruppen in einem Lande bestehen, als auch Widersprüche im Gefüge der Kultur zwischen Wissen, Erkenntnis, Ethik und Ästhetik. Bei einem Besuch in Kapstadt bietet sich zum Beispiel an, nicht nur die Widersprüche zwischen Weiß und Schwarz, sondern auch die, die durch die Geschichte der Ausrottung und Versklavung der KhoiSan und Khoikhoi entstanden sind, oder die, die durch die Geschichte der Sklaverei bis heute noch fortwirken.

 

1657 kamen die ersten Sklaven nach Kapstadt. 1770 gab es bereits 1000 Sklaven: 26% stammten aus Afrika, 36% aus Indien, 31% aus Ostindien und der Rest aus Ceylon, Malaysia und Mauritius. Sklaven kamen aus Indien, Indonesien, China, Madagaskar, Ostafrika und Westafrika und haben die südafrikanische Kultur und die afrikaanse Sprache geprägt. In den Kriegen gegen die Khoikhoi von 1659 bis 1671 wurden die Gefangenen in Leibeigenschaft genommen.

 

Ein Besuch in der Slave Lodge (später der Old Supreme Court, und heute das Cultural History Museum) führt uns ins Herz der südafrikanischen Sklaverei. Direkt vor der Slave Lodge befand sich der Slave Tree. Unter diesem Baum, der sich zwischen dem Sklavenhaus und der im Volksmund so benannten 'Mutterkirche' der Holländer befindet, wurden Sklaven versteigert. Heute erinnert eine Plakette, die in den Beton einer Verkehrsinsel eingelassen ist, an diese Schmach. Noch heute sollen ältere Nachkommen der Sklaven auf die Plakette spucken, wenn sie die Stelle passieren. Die Sklaven in der Slave Lodge gehörten der Ostindienkompanie und wurden im allgemeinen besser als andere Sklaven behandelt.

 

Sie waren atypisch, insofern sie alle getauft wurden, und die, die bis zu ihrem 25 Lebensjahr überlebten, wurden normalerweise befreit. Sie wurden meistens mit genügend Essen und Kleidung versorgt. Es gab sogar eine Schule für Sklaven in der Lodge. Über die Sklaven der Patrizier/Kompanie-bürokraten wissen wir fast nichts, da diese ihre Sklaven meist verschwiegen. Sie erscheinen auch nicht im Zensus, da die Kompanie ihren Amtsträgern nicht erlaubte, eine große Zahl persönlicher Sklaven zu halten. Die meisten Sklaven gehörten den freien Bürgern, die auch gleichzeitig die Khoikhoi in eine sklavenähnliche Abhängigkeit brachten. Weibliche Sklaven schliefen meist in der Küche, männliche in einem eigenen Sklavenquartier, das nachts abgeschlossen wurde, außer den perönlichen Bedienten (Sänftenträger usw.). Ärmere Bürger hatten kein extra Sklavenhaus, die Sklaven wohnten im Haus.

 

Da das Christentum eigentlich verbot, Christen als Sklaven zu halten, hatten die Sklavenhalter wenig dagegen, daß ihre Sklaven Muslime wurden. Auf alle Fälle waren sie gegen die christliche Missionierung der Sklaven. Auch die befreiten Sklaven (die sogenannten freien Schwarzen) und die politischen Häftlinge aus dem Osten (Indien etc) hatten zum Teil wieder Sklaven. Eine Khoi-Frau, die Eva oder in der Khoi-Sprache 'Kroatoa' hieß, heiratete einen Kaufmann der 'Dutch East India Company' und erbte dessen Sklaven, als er starb. Auf sie berufen sich neuestens einige Afrikaaner, um eine authentische afrikanische Identität zu beanspruchen. 1688 fand eine Sklavenrevolte statt, in der der 'free black', Sante von Sante Jago (Cape Verde), und der Sklave, Michiel, alle Häuser niederbrennen wollten. 1808 wurde der Sklavenhandel verboten, aber erst 1828 wurden alle Sklaven in der Lodge freigelassen.

 

Die freigelassenen Sklaven lebten im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert vorwiegend im Distrikt Six und im Malay Viertel in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums. Die Kap-Malaier sind eigentlich Kap-Muslim. Hier war auch das Zentrum der Muslimischen Kultur in Kapstadt. Das Stadtviertel District Six wurde im Rahmen der Homeland Politik gegründet, und galt als ein 'group area' für die Coloureds und schwarzen Arbeiter, die nicht muslimisch waren. Der 'Natives Land Act' von 1913 ermöglichte es Schwarzen nur noch in begrenzten Gebieten Land zu besitzen (den Homelands) und führte zu einem Zustrom von enteigneten Schwarzen in die Städte, wo sie Arbeit suchen mußten. Der 'Native Labour Regulation Act' verbot Streiks. 1918 brach eine Grippe-Epidemie aus. 1923 wurde der 'Urban Areas Act' erlassen, der nur Inhabern einer Aufenthaltsgenehmigung (dem verhaßten 'Pass System') Zugang zu den Städten gewährte. 1924 gewinnt die National Party erstmals die Wahlen, 1927 wird der Immorality Act verabschiedet, der Geschlechtsverkehr zwischen den Rassen verbietet. 1948 gewinnt die National Party dann zum zweiten Mal die Wahlen und wird die Macht bis 1994 behalten. 1949 erläßt sie bereits den 'Prohibition of Mixed Marriages Act', der gemischtrassige Ehen verbietet und 1950 den 'Group Areas Act', der Individuen je nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit bestimmten Wohngebieten zuweist. 1970 wird das Staatsbürgerschaftsgesetz verabschiedet, das die Homelands als eigene Staaten anerkennt und damit die Schwarzen zu Ausländern in ihrem eigenen Land macht.

 

Das 'District Six Museum' stellt einen innovativen und sensiblen Versuch dar, mit der schmerzhaften und gewaltsamen Vergangenheit der Apartheid umzugehen, die ja noch keineswegs tot ist. Der Ort des Erinnerns ist selbst ein Überbleibsel der völligen Zerstörung des gemischtrassigen Viertels im Zentrum der Stadt, nämlich die Anglikanische Methodistenkirche. (Die Apartheid-Regierung hat, selbst streng christlich-national gesinnt, alle Kirchen und Moscheen in District Six vor dem Abriß verschont.) Das Herzstück der Ausstellung bildet ein Stadtplan von District Six, der von den ehemaligen Bewohnern von District Six aus dem Gedächtnis heraus auf den Boden des Museums rekonstruiert wird und in den sie ihre damalige Adresse eintragen. So werden Lücken in der Erinnerung auch auf dem Plan sichtbar, wo Menschen nicht wieder zurückgekehrt sind, entweder weil sie nach oder wegen der Zwangsumsiedlung gestorben oder emigriert sind. Es spielen sich hier auch häufig emotionale Szenen ab, z.B. wenn sich ehemalige Nachbarn nach Jahrzehnten wiedersehen oder wenn sie von ihren bislang verdrängten Erinnerungen und Gefühlen überwältigt werden.

 

Im Gegensatz zum District Six wurde das Bokaap-Viertel weitgehend erhalten und wird auch heute noch von einer vorwiegend muslimischen Bevölkerung bewohnt. Das BoKaap Museum ist das älteste erhaltene Haus des Viertels in seiner originalen Form (1760). Es ist im typischen Cape Dutch Stil gebaut. Die Sklaven waren sowohl die Architekten und Handwerker dieser Häuser. Die Handwerker unter den Sklaven waren Schneider, Fischer, Schuhmacher, Schreiner, Baumeister und Faßbinder. Sie haben auch die Afrikaanse Sprache nachhaltig geprägt. Die Kapküche ist auf den ostindisch-malaischen Einfluß zurückzuführen.

Bo-Kaap sollte auch der Apartheid zum Opfer fallen, aber der Afrikaanse Schriftsteller, I.D. du Plessis konnte das verhindern, indem beim Denkmalamt bewirkte, daß die Kap-Malaien eine eigenständige Ethnie bilde, die im Rahmen der Apartheidsideologie eines getrennten Gebietes bedürfe.

 

Die Geschichte Kapstadts ist aber auch direkt Teil zum Beispiel einer europäischen Geschichte der sogenannten Entdeckungen, und Besucher aus Europa erfahren sich hier als Nachfahren einer Entwicklung, durch die fünf Jahrhunderte lang die sogenannte Dritte Welt, meist gegen deren Willen, kolonisiert, „zivilisiert" und unterdrückt wurde:

 

Im Jahre 1487 umrundet Bartolomeo Diaz das „Kap der Stürme"; im Jahre 1497 folgt Vasco da Gama, im Jahre 1503 landet Saldanha als erster Europäer in der Tafelbucht, die er „Saldanha Bucht" nennt, er besteigt auch den Tafelberg. 1580 kommt Sir Francis Drake in die Tafelbucht und nennt das Kap das „Fairest Cape". Von diesen frühen Besuchen sind außer einigen Steinkreuzen und einigen „Post Office Stones" wenige Spuren geblieben. 1605 landet ein Schiff der Vereenigde Oostindische Compagnie zum erstenmal in der Tafelbucht, und am 6. April 1652 kommt es dann zur ersten dauerhaften Besiedlung des Kaps durch Europäer: van Riebeeck landet mit seinen drei Schiffen - Goede Hoop, Reiger, Dromedaris. Fast hundert Jahre später, im Jahre 1745, hat Kapstadt allerdings immer noch nur 1000 weiße Einwohner. Im Jahre 1795 besetzen die Engländer zum erstenmal Kapstadt; im Jahre 1806 kommt es zur Schlacht bei Bloubergstrand, und die Engländer werden die neuen Kolonialherren am Kap.

Nach dem ersten, noch provisorischen Fort, bauten die Holländer gegen die Bedrohung durch die einheimischen KhoiKhoi-Stämme zwischen 1666 und 1679 das heute noch erhaltene Fort in der Pentagon-Form, die typisch für holländische Befestigungsanlagen des 17. Jhds sind, vergleichbar mit, wenn auch kleiner als die Festung in St. Petersburg. Die Festung lag damals noch direkt am Strand. Obwohl die Festung sich niemals in einem militärischen Angriff verteidigen mußte, diente ihre Glocke, die 305 kg schwer und 10 km weit hörbar war, als Stadtuhr und wurde bei Gefahren wie Brand benutzt, um die Einwohner zu warnen.

 

Hinter geschlossenen Mauern bot die Festung den Anschein einer kleinen Stadt, in der sich das Leben der Großen und der Kleinen abspielte. Es gab einen zentralen Brunnen, eine Bäckerei, ein Munitionslager und Gefängniszellen, darunter eine Torturzelle und das Dunkle Loch, in dem André Brink seinen Roman In Teendeel beginnen läßt. Die Gerechtigkeit, die damals ausgeübt wurde, war noch stark mittelalterlich ausgerichtet, und öffentliche Hinrichtungen waren keine Seltenheit.

 

Architektonisch bietet die Festung einige Interessantheiten. Von innen ist ein barocker Giebel aus dem 18 Jhd. über dem Haupteingang zu sehen. Geradeaus an der Mauer, die das Fort teilt, befindet sich ein Balkon, der von einem Relief von Anton Anreith geschmückt wird, von dem aus Ankündigungen gemacht, Urteile verkündigt und offizielle Empfänge eröffnet wurden. Dieser repräsentative Teil birgt heute die William Fehr Kunstgallerie. Im Innenhof hinter der Kat Mauer ist das Dolphin Pool nach Lady Anne Barnards Skizzen aus dem Jahr 1790 rekonstruiert worden.

 

Auch andere Aspekte der südafrikanischen Geschichte und Kultur kommen zur Sprache, die wir hier nur kurz erwähnen möchten. Mit Robben Island wollen wir einen weltbekannten symbolischen Ort vorführen, der als politisches Gefängnis, als Irrenhaus, als Quarantäne, als Naturreservat, und heute als Anti-Apartheids-Museum dient. Dann gehen wir auf den Tafelberg, dem Wahrzeichen Kapstadts und Naturreservat, wo wir die fünfte botanische Großprovinz der Welt vorstellen wollen, den Fynbos des südwestlichen Afrika. Wir machen weiterhin einen Ausflug nach Franchhoek, wo wir das Erbe der vor Religionsverfolgung geflüchteten Hugenotten und deren Beitrag zur Wirtschaft Südafrikas kennenlernen, die Weinfarmen. Es folgt ein Ausflug zum Kap der Stürme oder dem Kap der Guten Hoffnung, wo wir auf den Spuren der portugiesischen Entdecker und Seefahrer die Frühgeschichte der ersten europäischen Kontakte mit dem südlichen Afrika erfahren werden, außerdem die unglaubliche Vielfalt an Orchideen und Proteen in der Fynbos-Vegetation des Cape Nature Reserve sehen werden. An der Küste der False Bay, die die falsche deshalb war, weil manche Seefahrer sie mit der Tafelbucht vor Kapstadt verwechselten, in Muizenberg, Kalkbaai, Simonsstadt, und Boulders, entdecken wir Spuren des englischen Empire, erforschen die Geschichte der freigelassene Sklaven, die sich als Fischer in Kalkbaai niederließen, und besuchen eine Kolonie von Penguinen. In Cross Roads und Khayalitsha entdecken wir Spuren der Apartheid und machen uns mit dem Leben der Xhosa in der Stadt vertraut. Südafrika hat elf Literaturen in elf Sprachen. Wir treffen einige Dichter und Schriftsteller in Lesungen und Diskussionen. Schließlich machen wir uns Theater und Musik in Kapstadt bekannt mit ihrem weiten Spektrum von einer eurozentrischen zu einer afrozentrischen Kultur

In einer solchen Situation kann und sollte eigentlich dann das eintreten, was eigentlich der Zweck solcher interkultureller Begegnungen sein sollte: das uns Selbstverständliche, das was unseren eigenen Zwecksetzungen unausgesprochen zugrundeliegt, wird erkannt, als das, was zwar im Kommunikationszusammenhang der eigenen Kultur fraglos funktioniert, aber nicht im Zusammenhang einer anderen Kultur. Jede Gesellschaft ist im Wesentlichen eine selbstreferentielles, mit Kommunikation auf Kommunikation hinweisendes System, mit dem eine Gesellschaft über sich selbst kommunizieren kann.13 Über dieses selbstreferentielle System hinauszuspringen, ist seinerseits wieder nur durch Kommunikation möglich, allerdings einer, die das Unausgesprochene zum Sprechen bringt, die das nur Mitgedachte offen formuliert.

 

Man erfährt, daß die eigene Art und Weise seine Suppe zu kochen nicht die einzig mögliche ist, ebenso wie die eigene Art zu denken und zu urteilen. Man entdeckt, wie Descartes, daß auch andere Menschen Menschen sind:

Ich bemerkte ferner auf meinen Reisen, dass selbst die, welche in ihren Ansichten von den meinigen ganz abwichen, deshalb noch keine Barbaren oder Wilde waren, sondern oft ihren Verstand ebensogut oder besser als ich gebrauchen konnten.14

 

1 Mark Twain, The $30000 Bequest. Classic Library 500 (CD-ROM). Kaarst: bhv Verlag 1998

2 [Voltaire, d.i. Francois-Marie Arouet]: Kandid oder die beste Welt. Von Voltaire. Deutsch mit Einleitung und Anmerkungen von A. Ellissen. Leipzig: Otto Wigand, 1844, S. 103

3 Jean-Jacques Rousseau: Emil oder Über die Erziehung. Frei aus dem Französischen übersetzt von Hermann Denhardt. Neue Ausgabe, Band 1 und 2, Leipzig: Philipp Reclam jun., o. J. Bd. 2, S. 529

4 Rousseau: Emil, Bd. 2, S. 528

5 René Descartes: Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen, René Descartes' philosophische Werke. Übersetzt, erläutert und mit einer Lebensbeschreibung des Descartes versehen von J. H. von Kirchmann, Abteilung I-III, Berlin: L. Heimann, 1870 (Philosophische Bibliothek, Bd. 25/26). Abt. 1, S. 25

6 Rousseau: Emil, Bd. 2, S. 528

7 Descartes: Abhandlung über die Methode, Abt. 1, S. 30

8 Descartes: Abhandlung über die Methode, Abt. 1, S. 23-24

9 [Blaise Pascal:] Pascal's Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände. Aus dem Französischen übersetzt von Karl Adolf Blech. Mit einem Vorwort von August Neander, Berlin: Wilhelm Besser, 1840. , S. 129

10 Rousseau: Emil, Bd. 2, S. 536

11 Rousseau: Emil, Bd. 2, S. 530

12 Rousseau: Emil, Bd. 2, S. 530

13 Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993: Bd. 2 S. 16

14 Descartes: Abhandlung über die Methode, Abt. 1, S. 30

 

Anette und Peter Horn