Die Stimme der Opfer: Zur Narrativik der Geschichten vor der TRC - Südafrika

 

Die Stimme der Opfer: Zur Narrativik der Geschichten vor der TRC - Südafrika

 

Bevor wir etwas über die Narrativik der Geschichten der Opfer vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission sagen können, muß zunächst einmal geklärt werden, wer zu den Opfern zählt. Die Kommission unterscheidet zwischen primären Opfern, deren Menschenrechte direkt verletzt worden sind und sekundären Opfern, wo ein Familienmitglied im Kampf gegen die Apartheid getötet wurde und wo sich nun die Frage stellt, wer die Entschädigung erhält. Das setzt bereits voraus, daß Südafrika nach der Apartheid wieder in die internationale Gemeinschaft der Unterzeichner der Genfer Konvention der Menschenrechte aufgenommen wurde, für die die Apartheid als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit galt. Gleichzeitig mußte die Wahrheits- und Versöhnungskommission aber die Grundlage schaffen, auf der der Aufbau solcher fundamentalen Rechte wie die Unantastbarkeit der Menschenwürde, Meinungsfreiheit, ein Recht auf Bildung und Arbeit gewährleistet werden konnte. Während die demokratische Wahl also die politische Arena für das Ende der Apartheid schuf, bewerkstelligte dies die Wahrheitskommission auf der moralischen Ebene. Mit ihr sollte ein Respekt für das Gesetz und Menschenrechte in einem friedlichen, demokratischen Staat erstmals hergestellt werden.

 

 

Die Afrikaanse Schriftstellerin, Antjie Krog, hat ein Buch über die Anhörungen der TRC geschrieben, nachdem sie zwei Jahre lang fürs Radio über sie berichtet hatte. Sie hat den Prozeß somit von Anfang an mitverfolgt. Dabei ist sie sich der Problematik der Berichterstattung über das Leiden anderer auf akute Weise bewußt, indem sie z.B. auf die Debatte verweist, ob nach Auschwitz noch ein Gedicht geschrieben werden könne. Andererseits spricht sie von ihrer Angst, in einem fremden Land aufzuwachen, wenn sie sich von diesem Prozeß abschneiden würde. In einem Gespräch mit Ariel Dorfman, der ebenfalls über die Opfer von Menschrechtsverletzungen in Chile berichtet hatte, wo die Anhörungen - im Gegensatz zu Südafrika - allerdings hinter verschlossenen Türen stattfanden, stellt sie die beunruhigende Frage, ob es nicht unmöglich sei, das Wissen der Opfer vorzutäuschen. Besser sei es also, die Opfer selbst sprechen zu lassen, indem man die Sprache, den Rhythmus und die Bildlichkeit des Originals so weit wie möglich wiedergibt. Selbst das Gedächtnis der Reporterin ist kein zuverlässiger Zeuge. Krog sagt, daß wenn sie die Geschichten aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte, und sie sie mit der ursprünglichen Tonbandaufzeichnung verglich, das Original jedesmal besser als ihre eigene Version ausfiel. Dorfman habe dagegen eingewendet, daß viele Geschichten schon unter den Unterdrückten bekannt gewesen seien. Sie entgegnete ihm jedoch, daß die gesteigerte Atmosphäre des öffentlichen Erzählens oft die besten Aspekte der Geschichte und ihres Erzählers zusammenbrachte. Die Geschichte, die auf der Bühne der Wahrheitskommission erzählt wurde, war oft sehr viel eindrucksvoller als die nachher vor der Fernsehkamera oder auf dem Tonband.

 

Die Frage des Mediums der Aufbewahrung setzt die fundamentalere Frage des Erinnerns und des Gedächtnisses der Opfer voraus. Sie berichteten aus erster Hand über Geschehnisse, die zeitlich bis zum Sowetoaufstand von 1976 zurücklagen. Die Frage des Erinnerns ist jedoch auch immer eine Frage des Vergessens und des Verdrängens, wie wir seit Freud wissen. Während das Gedächtnis ein passiver Speicher für das uns Widerfahrene ist, ist das Erinnern ein aktiver Akt. Nun ist es ein allzumenschlicher Zug, sein eigenes Gedächtnis zu rekonstruieren, es zu schönen. Es gibt wohl drei Formen des Gedächtnisverlusts. Die erste ist freiwillig, man verändert sein Gedächtnis weil man bedroht ist, weil man es nicht ertragen kann, mit der Wirklichkeit zu leben. Die zweite Form ist unwillkürlich - etwas ist so traumatisch, daß es ein Loch ins Gedächtnis reißt, und man sich weder an den Vorfall erinnern kann, noch was vorher und nachher geschehen ist. Zur zweiten Form des Gedächtnisverlusts merkt Michael Bernard-Donals an, daß wenn "das traumatische Ereignis nicht in die Erfahrung integriert ist oder direkt erinnert wird, dann bedeuten Geständnisse sowohl Erinnern als auch Vergessen - die Unterdrückung eines Ereignisses und dessen Artikulierung als Erzählung; ein Auslöschen und ein Aufschreiben - und die Authentifizierung von Zeugnissen wie die Shoah wird bestenfalls schwierig, da wenigstens teilweise verifizierende Zeugnisse verlorengegangen sind."1 Ebenso haben kurz vor dem Machtwechsel Politiker Beweismaterial verschwinden lassen, was es erschwert, sie vor Gericht zu verklagen.

 

Das Problem des Erinnerns wird durch die komplizierte Sprachenpolitik mit elf Amtssprachen im neuen Südafrika noch erschwert, wo die Sprache der Opfer oftmals eine der neun indigenen Sprachen ist, die in die offizielle Amtssprache Englisch übersetzt werden mußte, die ja auch die Sprache der Kolonisten ist. Englisch wurde dem Afrikaansen allerdings vorgezogen, das immernoch als Sprache der Unterdrücker gilt. Für die Opfer, die des Englischen nicht mächtig waren, wurden Übersetzer zur Verfügung gestellt.

 

Die Sprache der Opfer, die das Reden auf einer öffentlichen Platform nicht gewöhnt waren, weil sie meist nur über eine mangelhafte Schulbildung verfügten, wirft die Frage nach dem Edieren auf. So deutet Krog lange Pausen und Wiederholungen durch Pünktchen und Gedankenstriche an, und durch Klammern wird angezeigt, wo angesichts des Schreckens die Sprache ins Stocken gerät: "Teile von Kleidungsstücken waren auf dem Boden, an der Wand - die Wand und Decke waren überall - überall mit Blut beschmiert - überall. Teile von was ich - ich nur als Haar in irgendeiner Form beschreiben kann und Fleischfetzen waren auch verstreut und an die Wände geschmiert, oder was auch immer. Und das - das beendete - vermute ich - eine Episode im Leben unserer Familie, die wir niemals vergessen werden." Diesem Bericht ist die Mühe des Spechens über das Trauma noch anzumerken. Krog reflektiert die Schwierigkeit einer "authentischen" Wiedergabe der Sprache der Opfer, wenn sie sie mit der Rhetorik der Mächtigen vergleicht: "Die teuer erkaufte Sprache ist weg. Über die Monate haben wir erkannt, was für einen enormen Preis des Schmerzes jede Person zahlen mußte, nur um ihre eigene Geschichte vor der TRC zu stammeln. Jedes Wort ist aus dem Herzen ausgehaucht, jede Silbe vibriert mit einer Lebenszeit der Trauer."

 

Nun hat Krog ja das Medium des Buches, also der Schrift, gewählt, um die Geschichten der Täter und Opfer, die vor der TRC ausgesagt haben, zu dokumentieren. Und dennoch unterscheidet sich ihr Bericht fundamental von den offiziellen Akten der TRC. Sie sagt an einer Stelle, daß sie die Geschichten der Betroffenen auf mehreren Ebenen liest. An der Oberfläche ist das cut and paste des Rohmaterials der direkten Aussagen der Opfer und Täter. Hier benutzt Krog die Tonbandaufzeichnungen und gibt das Gesagte wörtlich wieder. Auf einer zweiten, tieferen Ebene versucht sie, die Motive, Metaphern und Bilder herauszuarbeiten, die die Erzählungen der Opfer strukturieren und die darüberhinaus auch etwas über deren Motivation aussagen. Hier greift sie bereits als Herausgeberin und Autorin in die Geschichten der Opfer ein und unterzieht sie ihrem eigenen Anliegen, eine unterhaltsame Geschichte zu schreiben. Zu diesem Zweck erfindet sie neue Figuren, um das Eigentliche zu sagen, was sich sonst in Gerüchten und Hörensagen äußert. Sie sagt, daß sie die Namen einiger Menschen ändere, wenn sie glaubt, daß sie deren Ärger zu befürchten habe, wenn sie die Entstellung der Geschichte nicht verstehen würden. Deren Einwand lautete dann, daß sie nicht die Wahrheit erzähle, sondern ihre eigene Wahrheit. Selbstverständlich ist sie aus hunderten von Geschichten zusammengesetzt, die sie in den letzten zwei Jahren erfahren oder gehört habe. Aus ihrer Perspektive gesehen, von ihrem Geisteszustand gestaltet und nun auch durch das Publikum, der sie die Geschichte erzählt. In jeder Geschichte steckt Hörensagen, es findet eine Gruppierung von Dingen statt, die nicht unbedingt zur selben Zeit passierten, es gibt Annahmen und Übertreibungen, um das Ausmaß der Situationen widerzugeben, es findet auch ein Abschwächen statt, um Unschuld anzudeuten. Und aus all diesem ist die Wahrheit des ganzen Landes zusammengesetzt. Dasselbe gilt für die Lügen. Und die Geschichten aus früheren Zeiten.

 

Ein wesentliches Moment der Geständnisse vor der Kommission war, daß sie in der mündlichen Tradition stehen, die sowohl die Alltagssprache als auch die afrikanische Erzähltradition einschließt. Erst später wurden sie ins Medium der Zeitung, des Fernsehens und des Radios übersetzt und zum Schluß sollten sie im Medium der Schrift als mehrbändiges Dokument aufbewahrt werden. Krog schreibt, daß laut Definition der Afrikanisten mündliche Erzählweisen durch erinnerte zentrale Sätze und Bilder vorangetrieben werden, die die Destillierung der ganzen Geschichte tragen. Von diesen Zentren aus entwickeln sich die Handlung, die Figuren, und das Ende. Obwohl die Erzählweisen sich unterscheiden im Hinblick auf die Information, die sie transportieren, bleiben die Kernelemente dieselben. Sie überschneiden sich. Eines dieser zentralen Elemente ist die Konfrontation. In einer der Anhörungen, konzentrieren sich die Täter Hechter, van Vuren und Miles alle auf den Augenblick, wo das Opfer, Mutase, das Haus betritt. Alle drei benutzen das zentrale Bild des Kissens - zuerst ist es ein Kissen vom Sofa. Das Kissen wurde zunächst benutzt, um Mutase zu ersticken und die Schüsse zu dämpfen. In dem Buch von Miles erzählt ein Familienmitglied wie ein Kissen aus dem Schlafzimmer geholt wurde, um Blut und Chaos über das ganze Haus zu verbreiten. Mamasela erzählt wie Hechter Löcher in die Decke in einem Versuch schoß, die Frau zu töten. In allen Geschichten wird eine Landschaft geschaffen, in der die Mächtigen mit den Ohnmächtigen, die Bewaffneten mit den Unbewaffneten kämpfen und eine Atmosphäre des Mißverständnisses vorherrscht.

 

Eine andere Erzählstrategie ist die des umkämpften Raums, wie die Geschichte von Nomonde Calata zeigt, die zum Opfer der Tötung ihres Mannes durch die Todesschwadronen wurde. Die Polizisten verschaffen sich auf brachiale Weise Zugang zu ihrem Haus und einer setzt sich sogar auf ihr Bett, worauf sie ihn auffordert, vom Bett aufzustehen, da dies ihre private Sphäre ist. Gehorsam steht der Polizist daraufhin auf. Hier wird die Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum eindeutig ausgehandelt. Ein Freund der Autorin, Professor Kondlo, will daraus sogar einen Zeichentrickstreifen machen. In einem Bild sitzen die männlichen Historiker ums Feuer und reden über politische Dinge und auf dem anderen stehen die Frauen als die Erzieherinnen von Kindern und erzählen magische Geschichten um den Paptopf, in denen Verwandlungen von Menschen zu Tieren, von Männern zu Frauen und umgekehrt möglich sind. Diesem Bild will Kondlo mit einem Gummistempel die Wörter Migration, Verstädterung, Zwangsumsiedlungen aufdrücken. Und dann erst beginnt die Geschichte der Nomonde Calata, die nun im männlichen Raum des Britischen Kolonialen Rathauses in East London sitzt und eine Geschichte als Teil der offiziellen Geschichte dieses Landes erzählt. Damit reflektiert er einen revolutionären Prozeß, in dem zwei verschiedene soziale Räume miteinander konkurrieren: einer, in dem Gewalt in der Vergangenheit möglich war, und ein anderer, in der Gegenwart, wo Menschenrechtsverletzungen verurteilt werden. Indem sie das Rathaus in der Innenstadt gewählt hat und kein Gemeinschaftszentrum in der township will die Wahrheitskommission einen symbolischen Bruch mit dem institutionellen Rahmen der Vergangenheit andeuten. Das Rathaus ist nicht mehr die offizielle Domäne von Weißen und Tätern: sie gehört nun uns allen.

 

Als sprachliches Muster benutzt Krog die Geschichte von Mattewis und Meraai, die aus den Afrikaansen Novellen von Mikro stammen, die später für das Fernsehen adaptiert wurden, um anzudeuten, nach welchen Stereotypen die Afrikaansen Sicherheitspolizisten sozialisiert wurden. Die Novellen operieren mit den Rollenklischees des großen, starken, unerschütterlichen, fleißigen und wortkargen Mannes und seiner Frau, Meraai, der Dorfschneiderin, einer unattraktiven Frau, aber mit einem guten, braven Herzen. Sie signalisieren eine geordnete Welt. So ist der Sicherheitsbeamte unbewußt einem Kindheitsinstinkt gefolgt, als er unwillkürlich dem Befehl Nomonde Calatas folgte, das Bett zu verlassen, auf das er sich gerade gesetzt hatte. Er wird plötzlich in die ödipale Struktur zurückversetzt.

 

Gelegentlich nahm die Wahrheitskommission die Bedeutung einer griechischen Tragödie an. So wird z.B. der Schrei Nomonde Calatas, als sie den Schrei Nyameka Goniwes hörte, als Rückfall in einen vorsprachlichen Zustand gesehen, der durch die schreckliche Erkenntnis hervorgerufen wurde, daß man ihren Mann getötet hat. Die Erinnerung an diesen Vorfall ist an den Schrei gebunden, der der einzig adäquate Ausdruck für ihren Schmerz ist. Und dennoch bedeutet die Übersetzung dieses Schmerzes in Sprache durch die Erinnerung auch dessen Überwindung. Insofern bringt die Zeugenaussage einen Schlußstrich für das Ich: "Nur in der Form einer geständnishaften Selbstaussage kann, nach Dostojewskij, das letzte Wort über einen Menschen, das ihm wirklich adäquate Wort ausgesprochen werden."2 In diesem Sinne haben alle Zeugen vor der Wahrheitskommission zum ersten Mal Kontrolle über ihr eigenes Leben gewonnen.

 

In der Geschichte des Schäfers werden Strukturen des Märchens und des Mythos benutzt, um durch ein bildhaftes Denken die Ereignisse einer schicksalhaften Nacht erzählbar und damit verständlich zu machen. Der afrikanische Mythos verbindet nach Mazisi Kunene die Vielfalt der Welten. Diese prämoderne Sicht der Dinge scheitert jedoch an der Verständnislosigkeit der Polizei und der Wahrheitskommission, da er durch seine Erzählweise den erwarteten Tatsachenbericht durchbricht. Er fühlt sich durch die Ereignisse innerlich schon tot. Er beschreibt, wie in die Privatspähre seiner Familie auf brutale Weise eingedrungen wurde. Sie klopften so fürchterlich, daß sie die Tür aus ihren Angeln hoben, sie stürmten mit ihren Hunden ins Haus, sie beleidigten die Bewohner, sie brachen die Schränke auf und warfen ihr Hab und Gut auf den Boden. Der Schäfer, Lekotse, als Familienoberhaupt, versuchte einen würdigen Standpunkt anzunehmen gegen diese Übergriffe, aber jede würdevolle Handlung seinerseits wurde negiert. Er fragte, wer so schrecklich klopfe und die Tür wurde niedergerissen. Er bat sie, sie zu ersetzen und den Inhalt ordentlich zurückzulegen und sie wurden in die kalte Nacht geschickt. Sogar ein Schakal unter Schafen hätte so nicht gehandelt. Dies ist ein signifikantes Bild, denn der Schakal ist ein Gourmet-Jäger, der sein Opfer sauber in die Enge treibt, um ihm dann oben am Hals in die Vene zu beißen. Wenn das Schaf verblutet ist, ißt der Schakal zuerst den Spleen und dann die Leber und dann die Hinterbeine. Wenn Lämmer vorhanden sind, wird er eins oder zwei töten und nichts außer dem Milchmagen verschlingen. Dagegen beißt ein Hund zwischen Schafen links und rechts und ißt nichts, wenn er tötet. Die Sicherheitspolizei wird so zu einer Herde von Schakalen für den Schäfer, das stärkste Bild des Bösen, das der Schäfer kennt.

 

Das andere Leitmotiv ist, daß die Polizei die Fragen des Schäfers nicht beantwortet. Diese Fragen beziehen sich auf den Zweck der Anwesenheit der Polizei und ob die Polizei für den Schadensersatz aufkommen wird, den ihr Eindringen in die Privatsphäre des Schäfers angerichtet hat. Es sind im Grunde philosophische Fragen. Wie erkläre ich die Welt um mich herum? Da die Antwort ausbleibt, fühlt sich der Schäfer in seinem Weltbild aufs Tiefste erschüttert. Die einzige Handlung, die er von der Wahrheitskommission erwartet, ist ihn zu töten, denn nichts kann das Ausmaß des Schadens wiedergutmachen, der ihm zugefügt wurde.

 

Ein weiteres schwieriges Thema, das vorwiegend in den Geschichten der weiblichen Opfer wiederkehrte, war die Folterung durch sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Darüber zu berichten, birgt die Gefahr, die Zuhörer zu Voyeuren der Gewalt zu machen. Noch stärker als die Männer scheint die Frau der sexualisierten Gewalt des Mannes ausgesetzt gewesen zu sein. Dies fing auf der verbalen Ebene mit sexistischen Witzen an und reichte bis zum Eindringen in die Vagina mit fremden Gegenständen einschließlich Gewehrkolben. Thenjiwe Mthintso, Vorsitzende der Gender Kommission, sagte auf einer eigens für Frauen abgehaltenen Anhörung der Wahrheitskommission in Gauteng, daß Männer den Körper der Frau immer als Terrain des Kampfes und als Schlachtplatz benutzten. Einige Aktivisten sagten, daß sie manchmal nicht wüßten, was schlimmer war, der eigentliche Übergriff oder mit der ständigen Angst im geschlossenen und engen Raum der Zelle fertigzuwerden. "Wenn sie einen verhörten, begannen sie meist, indem sie deine Rolle als Aktivistin verkleinerten. Sie maßen dich nach ihren eigenen Begriffen der Weiblichkeit. Und sie sagten, du seiest in Verwahrung, weil du keine richtige Frau warst - du bist unverantwortlich, du bist eine Hure, du bist fett und häßlich, oder ledig und dreißig und du suchst einen Mann. Und wenn was immer du vertreten hast, auf Prostitution reduziert wurde, unbezahlte Prostitution, wurde der Anlaß für sexuellen Mißbrauch geschaffen. Dann geschahen Dinge, die einem Mann nicht widerfahren konnten. Deine Sexualität wurde benutzt, um dich deiner Würde zu berauben, um dein eigenes Selbstbild zu untergraben. Die Folterungen waren darauf angelegt, daß die Frau sich ständig ihres Körpers bewußt war, und wie er mißbraucht und lächerlich gemacht werden kann.

 

Das Problem liegt darin, daß das südafrikanische Recht Vergewaltigung nur als einen Akt zwischen Mann und Frau definiert, in dem der Penis in die Vagina eindringt. Forcierter oraler oder analer Sex und Eindringen durch fremde Gegenstände werden nicht als Vergewaltigung angesehen. Die Wahrheitskommission mußte aber feststellen, ob man mit einem politischen Motiv vergewaltigen kann, und ob die Vergewaltigung unpolitischer Frauen, um die Genossen zu beschäftigen, tatsächlich eine politische Tat darstellt. Die Genfer Konvention betrachtet Vergewaltigung als ein Kriegsverbrechen und die Verurteilung wegen Vergewaltigung in Bosnien haben nur wegen deren Verbindung zu ethnischen Säuberungen begonnen. Einen der Vorschläge, den die Wahrheitskommission machen könnte, wäre, den Vergewaltigern keine Amnestie zu geben, doch würden sie dann noch gestehen? Jedoch haben wenige Frauen wegen Vergewaltigung ausgesagt, und noch weniger haben ihre Peiniger beim Namen genannt. Warum also sollte sich ein Vergewaltiger um Amnestie bewerben? Dies sind beunruhigende Fragen, die die Wahrheitskommission offenläßt.

 

Die Frage ist, ob die Geschichten der Folterungen und Erniedrigungen der Opfer und deren jetziger Position als Regierende des Landes nicht eine Form des Karnevals und der Lachkultur darstellt. Insofern hatte die Wahrheitskommission eine kathartische Wirkung im nicht-aristotelischen Sinn, einerseits indem die Opfer durch den Widerstandskampf den Unterdrückern ihr Lachen entgegensetzten, daß sie einst die Herrscher im Land sein würden, d.h. daß sie dem Zustand des Seins den unabgeschlossenen des Werdens entgegenhielten, andererseits indem sie ihren Willen zum Widerstand nicht durch die Gewalt der Polizei und Armee brechen ließen. So wird die Hölle der Folterung der Widerstandskämpfer zu einer "karnevalisierten Unterwelt der Menippeischen Satire."3 Vielleicht kann der Tragödie der Apartheid nun die Komödie der wirklichen Befreiung folgen.

 

 

--------------------------------------------------------------------------------

1 Michael Bernard Donals, Beyond the Question of Authenticity: Witness and Testimony in the Fragments Controversy. In: PMLA, Vol. 116, Number 5, October 2001, S. 1303.

2 Michail M. Bachtin, Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. München: Fischer 1969, S. 95.

3 Literatur und Karneval, S. 78.

Online Formular für Anfragen, Reservierungen, Buchungen usw...

Bei Anfragen, bitte gewünschten Reisezeitraum und Anzahl der Personen angeben!

Name:
Straße: Ihre Fragen, Bemerkungen,Hinweise...
Ort:
E-Mail:
Telefon:
Objekt:



INFO Telefon: +27-21-5527707 / Fax: +27-21-5527717
(Mo bis Fr von 09:00-17:00)


1. Mai 1990

Athlone Stadium